Mittwoch, 07.01.2009
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Flucht und Vertreibung

Tränenkinder

<b>Reise des Schreckens: </b>Die Pfeile zeigen die Hauptfluchtwege; die drei Kreidelinien v.r.n.l. das Voranschreiten der Roten Armee von Januar 1945 bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Grafik: gmh

Reise des Schreckens: Die Pfeile zeigen die Hauptfluchtwege; die drei Kreidelinien v.r.n.l. das Voranschreiten der Roten Armee von Januar 1945 bis zur deutschen Kapitulation am 8. Mai 1945. Grafik: gmh

Was ist Heimat? Wie wertvoll etwas ist, weiß man manchmal erst, wenn man es verloren hat. 13 Millionen Deutsche verließen nach 1945 die Ostgebiete. Das Gefühl von Verlorenheit prägt noch heute das Leben ihrer Töchter und Söhne.

„Es ist letztlich die Sehnsucht nach einem für immer verloren gegangenen Gefühl, eins mit der Welt zu sein. Die Suche nach Heimat wird immer auch getrieben von dem Wunsch, diesen glücklichen Zustand von Ur-Geborgenheit wiederherzustellen.“ Aus dem Begleittext zu einer WDR-Studie unter 9000 Befragten in NRW zum Thema „Heimat“.


Von Matthias von Ickern

Als Kind stand ich oft vor der Truhe. Es war eine große, dunkle Truhe aus Holz. Wenn ich danach fragte, wurde meine Mutter unwirsch. Ich hätte alles dafür gegeben, das Geheimnis dieser großen, dunklen Truhe zu lüften.

Irgendwann war ich kräftig genug, den Deckel der Truhe anzuheben. Ein ganz kleines bisschen. Darin lag ... nichts weiter als nur ein paar grobe Säcke.

Meine Eltern erzählten nicht viel über ihre Vergangenheit. Mein Vater gar nicht. Und wenn Mutter doch mal anfing, war es nicht mehr als ein Weinen, Kopfschütteln. Irgendetwas Dunkles, Unaussprechliches lastete auf unserer Familie. Das spürten wir Kinder deutlich. Aber was?

Manchmal allerdings erzählte meine Mutter von einem Berg. Einem großen, stolzen Berg. Jeden Morgen, wenn sie als Mädchen aufgestanden war, hatte sie diesen Berg gegrüßt. Sein Name war „Zopten“.

Der Berg war weit weg, so weit, dass sie ihn nie besuchen konnte. Aber er ragte über den Feldern vor ihrem Elternhaus hoch in den Himmel. Und so konnten sich die beiden sehen: der Berg und das Mädchen.

Es sollte viele Jahre dauern, bis ich diesen Berg mit eigenen Augen sehen konnte.

Januar 1945. Es ist kalt in der Scheune. Das Mädchen hat den Arm schützend um die kleine Schwester gelegt. Die Kleine zittert vor Kälte. Auch der Soldat zittert. Vielleicht vor Kälte. Wahrscheinlich vor Wut. Er brüllt das Mädchen an. Das Mädchen kann den Alkohol in seinem Atem riechen. Und da ist noch etwas anderes.

Flüchtlingstreck aus Ostpreußen

Flüchtlingstreck aus Ostpreußen

Sie weicht zurück. Wieder schreit der Soldat. Das Mädchen versteht die fremde Sprache nicht, aber es weiß: Der Mann will ihre Schwester. Sie hat gesehen, was sie den anderen angetan haben. Sie drückt die Kleine noch fester an sich und schließt die Augen, als der Soldat den Karabiner hochreißt. Er schlägt zu.

Der Schlag wirft sie auf den Boden, bricht ihr den Arm. Sie dankt Gott dafür. Denn jetzt wirft sich der russische Soldat wenigstens auf sie. Und ihre Schwester kann weglaufen. Raus in den Schnee. Raus in die Kälte.

Komisch. Alle Kinder in der Nachbarschaft hatten Verwandte: Oma, Opa, Tanten, Onkel. Nur wir nicht. Doch, da gab es eine Tante. In Leipzig. Aber das war für uns im Westdeutschland der 60er Jahre ein Ort in einer anderen Welt, ferner als der Mond.

Zu Weihnachten schickte meine Mutter dieser Tante, ihrer Schwester, immer ein Päckchen in die „Ostzone“. Auch die Tante schickte ein Päckchen; Schokolade, die niemand so recht mochte. Aber tolle Bücher, über die sich meine Lehrer herrlich aufregten.

Warum hatten wir keine „richtige“ Familie, so wie die anderen Kinder? Warum gab es da keine „Omma“, wie es im Ruhrgebiet hieß, zu der man am Wochenende mal hinfahren konnte?

Meine Eltern umgab eine Aura des Verlustes. Ihre Schwere übertrug sich auf uns Kinder. Irgendwie fühlte man sich immer fehl am Platze. „Alles verloren, alles verloren“, murmelte meine Mutter manchmal vor sich hin, wenn sie in dieser Stimmung war. Irgendetwas saß auf ihrer Seele und machte dicht. Du kannst es nicht beschreiben. Du wirst so traurig, als ob der liebe Gott gestorben wär.

Das Mädchen geht durch das Dorf. Alles, was ihr einmal vertraut war, ist zerstört, verkommen. Die kleine Schule, wo sie die Gedichte des Ritters von Eichendorff aufgesagt hatte. Die evangelische Kirche. Die hatte erst den deutschen Soldaten als Ausguck gedient, dann den russischen.

Hin und her hatte der Kampf die Bewohner in dem kleinen Dorf bei Breslau getrieben. Im Januar hatten sie ins eisige Glazer Bergland fliehen müssen.

Aber sie waren zurückgekehrt. Und jetzt sah man überall die Flüchtlingstrecks, endlose Reihen aus Soldaten, Bauern mit Pferdewagen, Flüchtlingen mit groben Säcken auf den Schultern und großen Holztruhen auf Karren.

Wenige Habseligkeiten, mehr konnten sie nicht mitnehmen. Der Russe drückte von Osten. Also floh man in den Westen. Aber wohin?

Das Mädchen überlegt: Soll es sich einem dieser Trecks anschließen? Sie ist jetzt fast eine Frau. Und sie bemerkt die hungrigen Blicke der vorüberziehenden Männer. Ein starker Mann. Ein neues Leben. Aber ihre kleine Schwester, ihre Mutter?

Mein Vater war schon gestorben, meine Mutter alt, als plötzlich der Eiserne Vorhang fiel. Jetzt wäre ihr die Reise in die „alte Heimat“ möglich gewesen. Aber meine Mutter wollte nicht.

Eines Tages kam Post aus Leipzig: Die Tante, die jüngere Schwester meiner Mutter, hatte mit einer Reisegruppe Schlesien besucht, auch das alte Dorf. Die Tante konnte sich kaum an die früheren Verhältnisse erinnern, sie war damals zu jung. Aber meiner Mutter schickte sie ein Foto des alten Elternhauses, das sie bei ihrem Besuch selbst aufgenommen hatte.

Meine Mutter schaute lang auf das Bild. Erst war da kein Erkennen. Dann aber kamen die Tränen. „Tu das weg“, sagte sie. Sie wolle damit nichts mehr zu tun haben.

Jahre später, als sie gestorben war, fanden wir das Foto in ihrer Nachttisch-Schublade. Abgegriffen vom vielen Gebrauch. Irgendwie muss das das Signal für mich gewesen sein: Jetzt wollte ich los, den Ort sehen, an dem dieses Haus stand.

<b>Szene</b> aus dem Film »Die Flucht«, ARD, 2007

Szene aus dem Film »Die Flucht«, ARD, 2007

Das Mädchen steht vor der Haustür. Das kleine ländliche Anwesen hat in den vergangenen Monaten stark gelitten. Unrat liegt umher. Im Garten verwest eine Leiche. Das Mädchen blickt zum Zopten. Ein letztes Mal hebt sie die Hand; so, wie viele, viele Male in ihrem jungen Leben zuvor. „Auf Wiedersehen, Berg“, flüstert es. „Ich komme wieder.“

Dann geht das Mädchen zu dem Mann, der auf sie wartet. Er ist viele Jahre älter als sie und stark. Sie ziehen los. Ein paar Monate später werden ihre kleine Schwester und die Mutter folgen. Die beiden Frauen werden nach Leipzig gelangen und dort ein neues Leben anfangen. Sie selbst, das Mädchen, wird eine abenteuerliche Flucht ins Ruhrgebiet führen.

Aber das weiß das Mädchen noch nicht, als es sich von seinem Berg verabschiedet.

Und jetzt stehe ich hier und blicke auf den Berg. Mein Gott, es ist tatsächlich so, wie meine Mutter es immer erzählt hat: Hier das kleine Haus hinter der Mauer; dort, weit entfernt, schimmert der Zopten durch den Dunst. Der sanfte Kegel hat keine alpine Höhe, aber über den Feldern, die unter der heißen Augustsonne vor sich hin brüten, wirkt er ohne Zweifel wie ein stolzer Berg.

Ich gehe die Straße entlang. In dem Gebäude der ehemaligen Schule wohnt eine uralte Frau: Anna. Eine der wenigen, die damals da geblieben sind und überlebt haben. Ich spreche sie an. Sie erzählt. Und plötzlich ist kein Halten mehr da: Wir weinen, beide.

Aus dem Mädchen wurde meine Mutter. In der „neuen Heimat“, die ihr nie eine Heimat wurde, musste sie kämpfen wie eine Löwin. Ihr Mann war nicht immer die Hilfe, die sie sich erhofft hatte. Und so verlor sie manchen Kampf.

Aber sie zog drei Söhne groß. Einer warf nach ihrem Tod die große, dunkle Truhe hinaus. Der zweite gründete eine große Familie und verwandelte die kleine Wohnung im Ruhrgebiet, in der Verlust und Trauer geherrscht hatten, in einen Hort der Lebensfreude.

Der dritte brach auf, um das zu tun, was sie selbst nicht mehr geschafft hatte: Ich bin zu ihrem Berg zurückgekehrt und habe ihn noch einmal von ihr gegrüßt.

Ich hoffe, sie hat im Himmel meine Stimme gehört.

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Hitlers letzte Opfer

Im Januar lebten in den deutschen Ostgebieten – mit Sudetenland und besetzten polnischen Gebieten – rund 13 Millionen Deutsche. Als die russische Armee im Januar 1945 ihren Großangriff begann, flohen die meisten von ihnen Richtung Westen.

Wehrmacht und Behörden weigerten sich, die Bevölkerung zu warnen oder Pläne für eine geordnete Evakuierung umzusetzen: Bis zuletzt wurden unsinnige Durchhalteparolen ausgegeben.

Der Flucht folgte die Vertreibung durch Polen, Tschechen und Russen. Mehr als zwei Millionen Ostdeutsche verloren ihr Leben. Unbeschreibliche Tragödien und Grausamkeiten gegen die Zivilbevölkerung spielten sich ab – ein bitteres Schlusskapitel von Hitlers Vernichtungskrieg.


Und in der neuen Heimat?

Flucht, Vertreibung und eine mehr oder minder geregelte Ausweisungspolitik bis Ende der 40er Jahre: Ende 1950 hatten sich etwa acht Millionen Ostdeutsche in der Bundesrepublik niedergelassen, rund 3,5 Millionen in der DDR. Nicht selten gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen. Auf lange Sicht aber gelang die Intergration.

Dieser Beitrag wurde am 14.11.2008 um 16.30 Uhr veröffentlicht.

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