Studie
Religion à la carte
Und schon wieder eine Studie: Diesmal haben Zukunftsforscher festgestellt, dass Religiosität und Rituale immer privater werden. Jeder sucht sich das heraus, was ihm gefällt.
Nur noch für einen Bruchteil der Deutschen spielen Kirche und Religion eine wichtige Rolle im Leben. Gerade einmal zehn Prozent der Bundesbürger sagen, dass ihnen die Kirche „heilig“ sei. 60 Prozent versehen die eigene Gesundheit mit diesem sakralen Begriff, wie eine aktuelle Studie der Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen ergab. Nicht nur, weil jeder dritte Deutsche inzwischen konfessionslos ist, ist bisweilen schon von einem weitgehend entchristlichten Land die Rede.
Was dem Menschen heilig ist
Diskutiert wurden die Umfrage-Ergebnisse jetzt in Bayreuth bei der Gründung des von Stadt und Universität initiierten Bayreuther Zukunftsforums. Die Veranstaltung stand unter dem Titel „Was den Menschen heilig ist – Religionen und Werte im Wandel“. Wie sich die religiöse Großwetterlage in Deutschland und Europa derzeit darstellt, erläuterte der wissenschaftliche Leiter der BAT-Stiftung, Horst W. Opaschowski.
Die Frage „Wie hältst du’s mit der Religion?“ hatten die Zukunftsforscher nach wissenschaftlichen Kriterien aufgefächert und im ersten Halbjahr 2008 an 2000 deutsche Bürger gerichtet.
Distanz zur Institution Kirche
Ein Trend, der sich in früheren Studien – etwa „Was glauben die Deutschen?“ aus dem Jahr 1997 – bereits abzeichnete, wurde bei der aktuellen Auswertung deutlicher denn je: Die Menschen gehen zwar auf Distanz zur Institution Kirche, entdecken vielfach aber auch „eine privatisierte, individualisierte Religion“, wie es Opaschowski formulierte.
Die Statistik spricht zunächst eine deutliche Sprache: Die eigene Familie halten 71 Prozent der Befragten für „heilig“, 49 Prozent sagen das über ihre Freunde. Werte- und Moralbegriffe wie Versprechen (31 Prozent) oder Treue (29 Prozent) rangieren weit vor dem Glauben an Gott (18 Prozent), Religion (14 Prozent) und schließlich Kirche (10 Prozent).
Religion wird neu bewertet
„Das heißt aber nicht, dass Religion tot ist“, erklärte Trendforscher Opaschowski. Religion werde vielmehr neu bewertet und neu definiert. Immerhin bejaht die überwältigende Mehrheit von 93 Prozent das Toleranzprinzip, dass „jeder die Religion haben soll, die er will“.
Der Bayreuther Religionswissenschaftler Christoph Bochinger mahnte angesichts der Erkenntnisse zum Umdenken in den Kirchen. Viele hauptamtliche kirchliche Mitarbeiter, sowohl katholische wie evangelische, tun sich nach seiner Erkenntnis schwer, ein bestimmtes traditionelles Bild zu überdenken.
Dieses Rollenbild bestehe darin, „den Gläubigen irgendetwas vorzusetzen, die es sich dann abholen“.
Die Menschen entscheiden beim Glauben selber
Die Religiositätsformen der Deutschen hätten sich freilich in eine ganz andere Richtung entwickelt, merkte Bochinger an. „Die machen selber, die entscheiden selber. Sie lassen nicht mehr zu, dass jemand anderes bestimmt, was sie tun sollen.“ Darauf müssten sich die kirchlichen Mitarbeiter einstellen, „sonst werden sie nicht mehr gehört“.
Die neue Studie brachte auch ein Ergebnis zutage, das den Kirchen etwas Hoffnung machen könnte. „Die Untersuchung hat gezeigt: Wer wenig von Gott, Glauben und Kirche hält, der hält auch weniger von Menschlichkeit, Toleranz und Gerechtigkeit“, sagte Opaschowski.
Es müsse daher ein fundamentales Interesse von Gesellschaft und Politik sein, dass Religion auch im traditionellen Sinn weiter gepflegt und im Alltag gelebt wird, damit Humanität nicht verkümmert.
Autor: Wolfgang Lammel
Dieser Beitrag wurde am 1.11.2008 um 00.00 Uhr veröffentlicht.
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